Schreiben in Zeiten von Twitter

Salman Rushdie beim Literaturfest München

Erschienen: SZ

Salman Rushdie ©Amrei-Marie

Die erste Frage an diesem Abend gilt seinem Twitter-Account. Er hat ihn am Morgen abgeschaltet. „Ich hatte das Gefühl, in einem Raum mit vielen anderen zu sein, die mich nicht mehr amüsiert haben“, erklärt Salman Rushdie. Und das erinnert ihn gleich an eine Anekdote über den Raum, in dem er sitzt: die Große Aula der LMU. Als er hier 1982 „Mitternachtskinder“ gelesen habe, sei eine Frau doch glatt ohnmächtig geworden. „Das hat mich schon stolz gemacht – hängt die Latte für den heutigen Abend aber auch recht hoch.“

Doch da kann sich Rushdie beruhigt zurücklehnen. Zwar sind die 600 Plätze der Aula voll besetzt, es liest am Freitagabend aber ein anderer für ihn: Axel Milberg. Vier Passagen aus „Golden House“ bringt er als Einpersonenstück großartig auf die Bühne. Die Bösartigkeit des Nero Golden, die gewitzte Ehefrau und den unsicher bis verzweifelt klingenden Erzähler: Charaktere, die Milberg lebendig werden lässt und aus denen er auch den subtilsten Humor herauskitzelt. Rushdie aber scheint es weniger um den Vortrag von „Golden House“ als um die politische Botschaft dahinter zu gehen. Auch wenn es ursprünglich nicht seine Absicht war, sich zu Donald Trump zu äußern, hätten es die Entwicklungen gefordert. So beginnt die Geschichte noch mit der Amtseinführung Obamas, beleuchtet aber die Jahre bis hin zur Wahl des „Gelbhaarigen“, wie Rushdie ihn nennt. Ein Ergebnis seiner literarischen Betrachtung: Trump sei keineswegs die Ursache, sondern die Folge eines schwerwiegenden Problems innerhalb der amerikanischen Gesellschaft. Und weil es Rushdie nun mal um die Gesamtaussage geht, verrät er auch gleich das Ende des Romans. Dazu sei nur so viel gesagt: Auch wenn sie ihn bei Twitter langweilt, hat Salman Rushdie doch noch nicht den Glauben an die Menschheit verloren.

 

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