Maylis de Kerangel – Die Lebenden reparieren

REZENSION                                                             ★★★☆☆

In seinem „Summer Reading 2017“ empfiehlt Bill Gates diesen Titel der französischen Autorin als einen, der ihn in diesem Jahr ganz besonders fasziniert hat. Dass er dabei insbesondere die schöne literarische Sprache hervorhebt, das Buch andererseits sofort einem guten Freund empfohlen hat, der wie er, eher ein Sachbuch-Fan ist, scheint widersprüchlich. Ist es aber nicht. Denn „Die Lebenden reparieren“ (im Original „The Heart“) kann faszinierenderweise beides: Es besitzt eine grandiose erzählerische Kraft und gleichzeitig bringt es das Thema Organspende äußerst sachlich auf den Tisch. Darüber sollte man sich aber bewusst sein. 

Bei meiner Lektüre war das anders. Ich habe das Buch als Leseprobe begonnen, ohne mich weiter über den Inhalt zu informieren und wurde sofort hineingezogen in den schnellen Schreibstil der Autorin. Endlose Sätze, die nie langatmig daherkommen, sondern, ganz im Gegenteil, ein unfassbares Tempo aufbauen. Unmöglich, eine passende Stelle zu zitieren, die wiedergeben könnte, wie die Sätze ineinander greifen, wie sie ein reißendes Ganzes formen. Und das passt natürlich auch zur Geschichte. Denn die umfasst nur wenige Stunden und umkreist den tragischen Tod des 19-jährigen Simon und eine Entscheidung, über die sich Eltern und Ärzte möglichst schnell klar werden müssen: Die Frage, ob der Junge seine Organe wohl hätte spenden wollen, als er noch am Leben war.

Es geht aber eigentlich nicht um Simon und es geht auch nicht um seine Eltern. Das Buch handelt von Organspende. Punkt. Es umkreist alle möglichen Überlegungen, Gedanken, Fakten, die Menschen zu diesem Thema haben mögen. Religiöse, medizinische, humanitäre. Am Beispiel von Simon, der nach einem Autounfall für Hirntod erklärt wird, aber dessen Körper mit Geräten weiter am Leben gehalten wird, zeigt die Autorin ein mögliches Vorgehen in so einem Fall, skizziert dabei die Sicht der Ärzte und das Gefühlschaos der Angehörigen. Es werden Gründe für die Spende verhandelt, genauso wie mögliche Vorbehalte, die dagegen sprechen würden. Aber letztendlich schreit doch alles in diesem Buch, wie wichtig es ist, einen Spenderausweis zu haben – weil das nicht nur Leben retten kann, sondern, und dieser Punkt wiegt ähnlich schwer, weil so die Liebsten im Fall der Fälle und in einer Situation, in der Trauer an erster Stelle stehen sollte, davor bewahrt werden, solch eine schwere Entscheidung treffen zu müssen.

Natürlich ist das Thema der Organspende ein sensibles und besonders wichtiges, und das Für und Wider sollte jeder von uns zumindest einmal im Leben für sich abgewogen haben. Das ist ganz klar. Und ohne Frage lässt ein Roman darüber niemals aus, dass man selbst seine Haltung zur Organspende noch einmal überprüft, sie neu überdenkt oder vielleicht bestätigt sieht. Das ist einerseits gut und erfüllt einen pädagogischen Auftrag, andererseits aber liegt für mich hier auch die Krux, die mich beim Lesen mehrfach aufgehalten hat. Denn immer wieder kommt der erhobene Zeigefinger doch etwas zu direkt daher, nimmt zu viel Platz im Geschehen ein und stört die schöne Sprache der Autorin und die mitreißende Geschichte.

Wer sich aber dem Thema ganz bewusst widmen möchte und das auf eine leichtere Art, als mit reiner Fachliteratur, dem sei dieses Buch vor allem wegen seiner sprachlichen Kraft, unbedingt empfohlen. Für mich persönlich aber gelingt vor allem inhaltlich nicht immer die Gratwanderung zwischen niedergeschriebenem Fachwissen und rauschender Fiktion.

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